Verändern wir schon oder «scheinen» wir noch?

«Früher definierten wir uns durch das, was wir taten. Heute versuchen wir uns zu definieren, durch das, was wir sein wollen», habe ich gestern gehört. Schein und Sein sind sich näher als je zuvor. Na gut, denkt sich der eine oder andere, war das denn nicht schon so in den frühen Neunzigern? Als wir nach der Schnellbleiche von «Miami Vice» Gianni Versace verehrten?

Na ja, wir waren offensichtlich auf dem Selbstfindungstrip. Es zählte der Schein, und bestimmte das Sein. Es mussten die richtigen «Männer» auf der Verpackung des Aftershave Balsams sein, mit Nivea gaben wir uns nicht zufrieden!
Klar dachten wir damals, das muss doch für immer so sein. Wir werden uns stets an dieses Schein und Sein klammern. Wir waren davon überzeugt mit diesem neuen Zeitgeistexpress die 68er zu überrollen. Und doch, wer tief in sich selber horchte, hat sich auch damals gefragt, wie wird es sein, wenn aus uns 20ern mal 40er werden? Die Party sollte niemals enden, immer dachten wir uns «one more time». Die Mischung aus Designer-Parfüm, gefangenem Rauch, damals noch erlaubt, und Schweiss, die von den Wänden der Clubs tropfte, waren das Lebens-Elixier für uns. Per VIP-Status Eintritt zu finden im New York Club in Neuchâtel war, als würde man die Kirche über die Kanzel betreten. Das war Schein und Sein im Mikrokosmos unser selbst.
Und doch kenne ich viele Leute von damals, die sehr kreativ waren und vielleicht heute noch sind. Die Kleider wurden noch selber geschneidert oder in den entlegensten, nicht über jeden Ruf erhabenen Boutiquen in London gekauft. Es war nicht diese H&M Uniformierung der heutigen Tage. «Creative Culture» nannte ein guter Freund sein Schaffen, heute leitet er mit seinem Bruder eine Firma (die btw nicht wirklich viel mit Kreativität zu tun hat).
Damals wollten wir die Welt verändern, wie jede Generation vor uns. Und so wollten wir mit unserem Schein und Sein die Welt erobern.
Heute frage ich mich: Haben wir das geschafft? Sind wir noch dran? Und wer hängt noch am Schein und Sein, an dieser Etikette von gestern? Verändern wir schon oder «scheinen» wir noch?

Nachtrag am 26.12.16: Und genau in diesen Tagen ist dieser gute Freund, der mit mir Weltmetropolen erobert und geprägt hat, Götti unserer frischgeborenen Tochter. Der Kreis schliesst sich...

«Täglich güsst das Murmeltier» - ein Blog über täglich aufgeschnappte Schnipsel in meinem Leben.
Alle Akteure, die des Schein & Seins frönen, sind frei erfunden, oder doch nicht?